Brief 187
Geliebter,
bestimmt wunderst du dich weshalb ich dir schon wieder einen Brief schreibe, obwohl ich den letzten vor zwei Wochen schon eingeworfen habe. Ich bin mir nicht einmal sicher ob der Brief angekommen ist – oder ob meine Briefe überhaupt ankommen. Ich weiß nicht ob ich die richtige Adresse habe. Weiß nicht ob ich genug Briefmarken drauf klebe.
Haha, während ich dies schreibe kann ich sogar den Kleber schmecken den man anlecken muss damit die Briefmarken überhaupt kleben. Wusstest du dass man eine Vergiftung kriegen kann wenn man 200 solcher Briefmarken ableckt? Das wäre doch eine niedliche Art um … du weißt schon was.
200 Briefmarken, alle auf deinen Brief, ehe ich ihn einwerfe und mich unter den Briefkasten hinsetze. Den Himmel anstarre. Schokolade esse um den widerlichen Geschmack von meiner Mundhöhle zu kriegen.
Aber ich hab dir im letzten Brief versprochen dass ich nicht mehr von solchen Dingen schreiben werde. Ich habe es zwei Seiten lang geschrieben, immer und immer wieder, dass ich mich ändern werde, damit du keine Angst mehr vor mir hast, damit ich zu mir zurück finde. Was habe ich gesagt? – “Ich werde nicht mehr weinen wenn ich Briefe schreibe, werde nicht mehr solche Dinge schreiben, werde nicht mehr an solche Dinge denken.”
Wenn ich aufhöre so etwas zu tun wirst du mir bestimmt antworten, oder? Oder? Dann kann ich zu dir zurück und wir verbringen einen Tag zusammen. Ich zeige dir meine Einsamkeit, ich zeige dir den strahlend blauen Himmel der sich über uns erstreckt, zeige dir all die Dinge die du dort drüben niemals sehen könntest…
Auch heute bin ich in die Stadt, habe dabei die blutroten Pumps getragen die ich letzte Woche im Laden gesehen haben. Sie passten mir, wie ich dir erzählt habe; und auch wenn meine Füsse nach einigen Stunden schmerzten, es war angenehm zu wissen dass ich endlich von meinem alten Ich losbrechen konnte, dass ich ohne weiteres im Park umher rennen konnte, auch wenn mein Kleid dabei immer wieder hoch flatterte. Die Kinder lachten, ich lachte mit, und wir vergaßen wieder die Existenz des anderen; es war bittersüß, es war schrecklich, aber es war das Leben und es war das erste mal das ich mich auf so ein Spiel einließ.
Das Balancieren auf der Mauer war wie immer spaßig. Die Arme, ausgestreckt, wie Flügel die den Himmel niemals erreichen könnten. Das Meer glänzte in der Abendsonne und erinnerten mich an deine Augen, wie sie schimmerten, wann immer du ein neues Bildband gesehen hast. Unsere Kamera hielt all diese Momente fest, das Meer, die Bücher, die Blumen die sich langsam den Wellen näherten, vom tosenden Wasser verschlungen worden sind. Die Blüten waren blutrot, leicht verwelkt, aber es waren deine Lieblingsblumen; könnte ich mich nur erinnern, erinnern, an den Namen, an deinen Namen…
Und es war so wie immer, dieser Tag, dieser Mittwoch, die unmittelbare Mitte einer grausamen Woche. Wir taten das, was wir immer taten; das lachen, das versagen, das zerstreuen der Blumen im Meer um der kleinen Meerjungfrau zu ehren. Du sahst zu mir hoch, hast mich angelächelt, ehe du meine Hand genommen hast um mir von der Mauer hinunterzuhelfen. Weißt du noch in wie viele Läden wir gegangen sind? – So viele, wo es auch immer nur Bücher gab. Wir füllten den Korb mit leeren Tagebüchern, mit Briefmarken, mit Umschlägen, mit Papieren, mit Tinte und Schleifen und Dinge die niemals an das andere Ende der Welt gelangen könnten. Wir hatten so viel Spaß, weißt du noch? Diese Mittwoche, wenn du von der Arbeit zurück kamst, wenn du mich in den Arm genommen hast und mir das Gefühl gegeben hast Zuhause zu sein.
Ich lachte, lachte, lachte bis ich weinte wegen den blutroten Pumps die mir die Füsse wund schabten; der Himmel verdunkelte sich, immer mehr und mehr, der Zug war da und ich ging barfuß nach Hause, nach Hause, nach Hause… nach Hause?
Der Garten, den wir zusammen pflegen. Gepflegt haben. Die Sanduhr die du mir hingestellt hast, die ich stündlich umdrehe. Dein Bild, unser Bild, der Tisch an dem ich nun sitze. Du lachst mich an, schüttelst den Kopf, ehe du dich wegdrehst und wieder zu Sternen staub wirst.
Es ist schwierig.
Gott, es war schon immer schwierig gewesen.
Ich hasse diese Gesellschaft und würde mich nie, niemals an sie gewöhnen können. Nicht einmal an die lachenden Kindern, das Gesicht mit Eis verschmiert. Ich werde mich nie daran gewöhnen können frei und offen zu lachen. Oder allein auf der Mauer zu laufen. Ich werde mich nie daran gewöhnen können in dem Himmel zu blicken und nicht zu weinen.
Als Kind, als Mädchen, als junge Frau – ich werde es nie können. Der Himmel ist zu hell. Ich fühle mich so schwach, so allein, so, so…
Du weißt es doch? Du weißt es doch.
Ich habe es dir im letzten Brief geschrieben. Hast du ihn denn nicht gelesen…? All die anderen Briefe? Die Bilder? Das Band? Die Pakete die ich dir schicke, alles…?
Alles…?
Noch heute blicke ich in den Abendhimmel und zähle die Sterne. Für dich. Knöpfe Armbänder, für dich. Diese Briefe… alles. Ich warte bloß. Auf irgendwas. Dass es rote Blumen regnet, haha. Dass du mich ohne weiteres umarmst und dich erinnerst, erinnerst – dass du die Briefe wahrnimmst, dass du… siehst. Erinnerst. Dass du zurück kommst…
Wohin blickst du bloß? Wohin blickst du bloß…? Du fühlst dich so warm an, aber im Innern… ist es ein Nordpol in dir? Ist es der Schnee? Ist es dein Winter der bald verschwinden wird?
Bald, bitte. Lass es wieder Frühling werden. Es muss Frühling werden…
… Bald habe ich alle Briefmarken aufgebraucht. Ich werde neue kaufen. 200 Briefmarken die ich alle auf deinen Brief klebe, haha, nur damit du siehst dass auch du zurück kehren kannst.
P.S.
… Ich liebe dich.
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- Published:
- May 7, 2010 / 5:31 pm
- Category:
- Prose
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