dianne
Er lag auf dem Boden. Seine Hände auf seiner Brust, leicht offen, als hätte er noch so eben etwas in der Hand gehalten. Seine Jacke war zur Hälfte offen, gab das T-Shirt preis das ich ihm zurecht legte. Und – er schlief. Das Buch lag zwar auf seinem Gesicht, doch so wie es aussah… schlief er ein. Und mit ihm, ein kleiner, schwarzer Vogel der es sich auf dem Buch bequem gemacht hat. Er schlief ebenfalls.
Fasziniert beobachtete ich die Szene vor mir, kaute dabei auf einem sauren Bonbon. Ich hatte noch einige in meiner Rocktasche, für ihn, damit er auch naschen konnte. Aber so wie es aussah – würde er wohl nicht zum naschen kommen. Er schlief während des Lesens wieder mal ein. So wie er es auch Kind auch schon getan hat.
Seufzend ging ich in die Hocke und stupste sein Bein mit einem Finger an. Er regte sich nicht. Schlief nur, seelig. Ich seufzte wieder. Starrte ihn an. Wollte ihn aufwecken, wusste aber dass er mich anschreien würde wenn ich ihn aufwecke. Seufzte. Seufzte.
Kam ihm näher. Und näher. Leise. Vorsichtig. Wollte die Beiden nicht wecken. Wollte den Moment nicht zerstören. Wollte den Moment mit ihm teilen. Wollte – seinem Herz zuhören. Als ich nahe genug war legte ich mich langsam hin, neben ihm – legte einen Arm um seinen Körper, seinen warmen Körper. Schmiegte mich an ihn. Wie ein kleines Kätzchen. Lächelte in mich hinein. Freute mich.
Wie schön. Wie schön.
Atmete seinen Geruch tief ein. Wie wundervoll. Mein Herz sang. Blühte auf. In allen Farben, ich konnte es sehen, und es flatterte so wild. Wie eine kleine Taube in meiner Brust. Und – und ich spürte wie langsam sein Herz schlug – Gefühl der Zuversicht. Der Geborgenheit. Ich wollte wieder weinen – ich weinte so viel – aber in dem Moment, in dem Moment wollte ich es nicht zerstören. Ich wollte einfach da liegen und mit ihm dahin verrotten.
Und dann, dann erinnerte ich mich an Mutter.
Eine Frau mit seinen Augen. Eine Frau in deren Augen der kalte Winter innelebte. Ihre Haare – sie waren pechschwarz, doch ich erinnerte mich noch an das Badezimmer, an das pechschwarze Wasser, an den kleinen Plastikbehälter, an die Anleitung. Ich erinnerte mich noch an den stechenden Geruch. Vielleicht tat sie das um mir mein Herz zu heilen, damit ich mich nicht so einsam fühlte. Damit sie seine Augen und meine Haare hatte. Sie war wirklich der Winter, doch tat so als wäre sie auch der Sommer – es stand ihr nicht. Die Wärme schien so falsch. So erstickend. Sie war – sie war der Winter – sie wollte den Sommer sein – wollte – ein Traum sein an den man sich noch kaum erinnern kann.
Mutter… Stets von einer Laune zur anderen schwankend, als lebten die Jahreszeiten in ihr inne; die eisige Kälte, die liebe Wärme. Liebkosungen und Ohrfeigen. Schlaflieder und frustriertes Kreischen – Gott, ihre Stimme. Ich konnte mich noch an ihre Stimme erinnern. Wie es mir jedes mal einen kalten Schauer über den Rücken jagte und mich zum weinen brachte.
Und sie war so – bleich. So schneeweiss. Sie war der Schnee. Sie war der Morgentau. Sie war ein Geheimnis das wir besassen, nur für uns, ganz für uns allein. Und sie – sie hasste die Sonne. Sie hasste die Sonne. Den Sonnenschein. Nie sahen wir sie draussen, oder gar auf dem Dach. Nur in unserer kleinen Welt, nur dort konnten wir sie auffinden. Und – und Nachts, Nachts erzählte sie mir oft davon wie einmal beinahe in der Sonne verbrannte. Dass sich ihre Haare aufkräuselten und rauchten. Stellte mir als kleines Kind dann oft vor wie Mutter verbrennen würde – wie ihr weisses Kleid Flammen fing, zu einem aschigen Schwarz wuchs. Wie ihr Porzellangesicht langsam Risse bekamm, nur ganz feine, sanfte Risse, ehe ihre Stirn zersplitterte, ihr Mund zersprang, ihr die Murmelaugen aus dem Kopf flogen. Wie sie wie Paper einfach in Asche zerfiel.
Hätte ich nur gewusst…
… Nein, nein.
Weg mit den Gedanken. Weg. Ich wollte den Moment mit ihm geniessen, eng angekuschelt an seinen warmen Körper. Seine unendliche Wärme, obgleich er doch der Winter war. Schloss meine Augen auch schon, atmete tief ein und aus. Ein und aus. Nahm seinen süssen Geruch wahr, wie Milch. Wie ein Baby. Er war mein kleines Baby. Mein kleines Baby.
Das Bonbon lag schwer auf meiner Zunge. Und so sauer. Ob es ihm wohl schmecken würde? Seufzend saugte ich an dem kleinen Ding, verzog mein Gesicht daraufhin. So unglaublich sauer. Wie Zitrone. Er hasste Zitronen. Einmal habe ich ihm mal Zitronensaft statt Orangensaft gegeben – er hat eine Woche lang nicht mit mir gesprochen. So sauer war er gewesen. Damals war es mir noch egal was er von mir dachte.
Kribbeln. Es kribbelte in mir drin. Ein kleines ziepen. Sehnsucht. In meiner Brust. Ich schmiegte mich enger an ihn, an seinen warmen, warmen Körper. Klammerte mich förmlich an ihn. Er regte sich ein bisschen – hatte für eine Sekunde Angst er würde aufwachen. Aber er schlief weiter, ruhig, ruhig.
Meine Hand wanderte zum Buch. Vorsichtig. Vorsichtig. Wie eine kleine Schlange kroch sie hoch. Umgriff das Buch, bevor meine andere Hand folgte. Hob das Buch hoch, mitsamt den schlafenden Vogel, darauf bedacht ihn nicht zu wecken. Stellte es auf den Boden hin. Setzte mich hoch. Sah ihm ins Gesicht. Sein sanftes Gesicht.
Ich legte meine Finger auf seine sanfte Wange, umstrich diese zärtlich, vorsichtig – langsam. Genoss die Weichheit seiner Haut. Wie sauber sie sich anfühlte. Genoss die Wärme. Genoss es.
Und dann, dann – ganz langsam –
beugte ich mich vor – nur ganz langsam –
und ich musterte sein wundervolles Gesicht, die wundervollen Linien –
und ich erkannte Mutter, ich erkannte geliebte und verhasste Mutter –
ich sah den Winter –
und ich sah den Sommer –
und ich fragte mich, fragte mich was für eine Rolle ich wohl spielte –
wunderte mich darüber, weshalb mein Atem so schwer war –
weshalb mein Herz so schnell schlug, so schnell –
und ich sah ihn an, ich sah ihn an, und ich wollte –
ich wollte…
Nur noch ein wenig.
Nur noch ein wenig. Ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren. Es kitzelte ein wenig, und es trieb mir die Tränen in die Augen, und ich wurde beinahe taub von meinem laut klopfenden Herz, und es brauchte nur noch ein wenig, nur noch ein wenig… nur noch ein wenig und dann, dann wäre ich so glücklich, so… einsam, so einsam… ich wollte, ich… wollte.. ihn…
Für immer…
Zaghaft strich ich meine Lippen an die Seine. Nur sachte. Nur sachte.
Nur ganz, ganz leicht. So dass ich es kaum spüren konnte, so dass… es in meiner Brust anfing zu schmerzen. Wie ein bittersüsses ziehen, das Gefühl… wie ein bittersüsses Lied in meinem Herzen.
Ich verharrte, wollte mich nicht mehr bewegen.
Ich wollte sterben.
…
„Du weißt es nicht, aber ich liebe dich.“
Ich sass neben ihm, starrte die Decke an. Das Bonbon löste sich mittlerweile schon auf.
„Ich liebe dich so sehr.“
Konnte es aber dennoch schmecken.
„Ich würde sterben für dich.“
„Würde mein Herz ausreissen für dich.“
Konnte ihn immer noch schmecken.
„Wenn ich könnte würde ich dir mein Leben geben.“
„Alles.“
„…“
Verbotene Sünde.
„Ich…“
Bittersüsse Geste.
„Ich liebe dich…“
„… Ich will…“
Und zwischen meinen Beinen, das kribbeln…
„Ich will ein Kind von dir.“
…
Zwitschern.
Erschrocken blickte ich auf, sah um mich herum – und mein Blick blieb am Buch hängen. Auf dem Boden. Und der Vogel. Der kleine, schwarze Vogel. Sass da, ganz zerstrubbelt und zitternd. Er starrte mich an, mit seinen Knopfaugen, und zwitscherte.
Er hat alles gehört was ich gesagt habe.
Mein Herz sank in meinen Magen.
„Du…“
Zwitschern.
„Du…“
Wieder zwitscherte er, hoppste dieses mal vom Buch runter, auf mich zu. Er streckte seine Flügelchen aus. Seine kleinen, zerbrechlichen Flügelchen. Er zwitscherte lauter, flatterte, liess es kleine, schwarze Federn regnen. Wieder hoppste er, dieses mal auf die Brust meines geliebten Zwillings, legte sein kleines Köpfchen schief und starrte mich voller Neugier an.
Mein Herz, auf einmal so eisig kalt und hart. Wie ein Stein in meiner Brust. Es fiel mir schwerer zu atmen. Fiel mir schwerer meine Stimme an die Oberfläche drängen zu lassen.
„Du… hast alles gehört, oder nicht?“
Zwitschern.
„… Meine verfluchten Worte… du hast sie gehört?“
Ersticktes zwitschern.
Federn, kleine schwarze Federn, die in der Luft umher flattertern.
Und der kleine Vogel, so warm und weich in meiner geschlossenen Faust.
Er starrte mich immer noch an, mit seinen unschuldigen, unschuldigen Augen. Für eine Sekunde wollte ich nach einer kleinen Nadel suchen um ihm seine wundervollen Augen rauszustechen – diese zwischen meine Lippen verschwinden zu lassen. Ich konnte mich aber nicht bewegen, konnte keinen Muskel bewegen – konnte nur den kleinen, kleinen Vogel anstarren, in die unendliche Dunkelheit starren die alles in sich aufzunehmen schien.
Konnte das kleine Herz spüren, wie es gegen meine Handfläche pochte. Konnte sein zittern spüren. Wie er versuchte sich zu befreien, von meiner Faust, meiner gnadenlosen Faust.
Erneut zwitscherte er auf – und ich konnte nicht anders, ich konnte nicht anders, ich packte fester zu, fester… Fester. Fester. Fester. Das kleine Vögelchen, und sein ersticktes, quietschendes zwitschern. So ein wildes, unbeholfenes flattern mit den Flügeln. Ich spürte wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete, meiner Maske Risse zufügte – konnte spüren wie mein Lächeln breiter wurde, immer breiter und breiter. Hätte ich noch breiter gelächelt, dann, dann wäre mir wohl mein Steinherz rausgefallen – und mein kleiner, wundervoller Bruder wäre aufgewacht.
„… Niemand darf davon erfahren, kleiner Vogel…“
Meine Faust zitterte. Das kleine Wesen zitterte. So viel quieken und zwitschern. So eine Sauerei. Sah zu wie ich meine andere Hand anhob, das kleine Köpfchen mit meinen Fingerspitzen streichelte; spürte die weichen, weichen Federn, Federn die an meinen Fingern festklebten während ich sie voller Achtsamkeit ohne Gnade raus riss. Ich wollte, ich wollte dass ich den Vogel auffressen könnte, wollte dass ich die Geheimnisse damit einfach verschwinden lassen konnte, und dann – dann – dann umfasste ich den kleinen, kleinen, winzigen Schädel mit meinen Fingern, ignorierte dabei das schmerzhafte pieksen –
es ging ganz schnell. Ganz, ganz schnell. Nur einmal fest zupacken und der Nacken war schon gebrochen, vom Körper zerfetzt. Einfach so. Das kleine, schöne Vögelchen zwitscherte in dem Moment nicht mehr, es war ganz, ganz still – und ich konnte schneeweisse Knochen sehen, wie bei Lupo damals, und… Und mehr zupacken, mehr zudrücken, und da kam Blut – ganz viel Blut. Es tropfte mir auf meinen Rock, meine Arme runter. So warm, so warm. So warm. Es kitzelte. Wie Karamell.
Ich zitterte. Atmete schwer.
Rasch stand ich auf, schritt zum Fenster und riss diesen auf. Eine kühle Brise wehte mir entgegen, liess das Blut an meinen Händen antrocknen. Welch Schande. Hastig leckte ich das ganze Blut auch schon auf, saugte daran, genoss jeden Tropfen den ich erwischen konnte. Dann, ohne zu zögern, holte ich aus und warf den Kopf von mir – hinaus in die weite, weite Welt, in die grausame Welt wohin er gehörte.
Der Körper. Ich starrte den kleinen, kleinen Körper an, musterte ihn intensiv, und – und ich spielte ein altes Spiel, wie damals, wie damals… Riss eine Feder nach der anderen aus, liess sie zu Boden flattern – sah zu, voller Freude, diesem Schauspiel von schwarzen, verlorenen Wünschen.
„Er liebt mich.“
Noch mehr Federn. Stickig, klebrig. Sie wollten nicht von meinen Händen fallen. Was für eine Sauerei.
„Er liebt mich nicht.“
„Er liebt mich.“
„Er liebt mich nicht.“
„Er liebt mich.“
„Er liebt mich nicht.“
Blut an meinen Händen.
Erinnerungen an Lupo, mein alter Freund.
Ein kleines Herz zwischen meinen Fingerspitzen.
Es schmeckte so süss.
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- Published:
- November 7, 2010 / 4:54 pm
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